SCHAMANISCHE WAHRNEHMUNG SIEHT NICHT BEI JEDEM GLEICH AUS
Nach einer schamanischen Reise erzählt eine Teilnehmerin von einer Landschaft, die sie sehr deutlich gesehen hat. Sie beschreibt Farben, einen Weg, einzelne Pflanzen und das Wesen, dem sie dort begegnet ist.
Eine andere Teilnehmerin sagt: „Bei mir war fast nichts.“
Eine solche Situation erleben wir in unseren Ausbildungsgruppen immer wieder. Wenn wir dann genauer hinschauen, zeigt sich manchmal ein anderes Bild.
Vielleicht gab es keine deutliche Landschaft. Dafür war plötzlich ein Druck im Brustraum zu spüren. Eine Wärme, die vorher nicht da war. Ein einzelnes Wort. Eine Stimmung. Ein Gedanke, der unvermittelt auftauchte. Oder die Gewissheit, an einer bestimmten Stelle der Reise weiterzugehen, ohne erklären zu können, woher dieses Wissen kam.
„Ich habe nichts gesehen“ und „Ich habe nichts wahrgenommen“ sind deshalb nicht automatisch dasselbe.
WAHRNEHMUNG HAT UNTERSCHIEDLICHE ZUGÄNGE
Wir Menschen nehmen unterschiedlich wahr. Manche haben einen leichten Zugang zu inneren Bildern. Andere bemerken Veränderungen besonders deutlich über ihren Körper. Worte oder Klänge können auftauchen, Bewegungsimpulse, Gefühle oder ein Wissen, das sich zunächst gar nicht genauer erklären lässt.
Auch diese Zugänge können sich mit zunehmender Erfahrung verändern. Es kann sich verändern, was wir bemerken und wie differenziert wir es wahrnehmen.
Deshalb ist es beim schamanischen Lernen wenig hilfreich, die eigene Erfahrung daran zu messen, was jemand anderes auf seiner Reise gesehen, gehört oder gespürt hat.
Interessanter ist zunächst eine andere Frage:
Was habe ich selbst tatsächlich wahrgenommen?
Diese Frage lässt die eigene Erfahrung erst einmal so stehen, wie sie war. Ohne sie größer machen zu müssen oder vorschnell als „zu wenig“ einzuordnen.
WELCHE ERFAHRUNGEN HAST DU MIT DEINER WAHRNEHMUNG GEMACHT?
Wie wir heute mit unserer Wahrnehmung umgehen, beginnt nicht erst mit der ersten schamanischen Reise.
Schon als Kinder machen wir Erfahrungen damit, wie andere Menschen auf das reagieren, was wir erzählen und wahrnehmen.
Ein Kind berichtet vielleicht, dass es jemanden im Zimmer gesehen hat, obwohl dort aus Sicht der Erwachsenen niemand war. Es erzählt, dass ein Tier mit ihm gesprochen hat oder dass es etwas gespürt hat, bevor etwas Bestimmtes geschehen ist.
Was genau hinter einer solchen Erfahrung steht, müssen wir an dieser Stelle gar nicht festlegen. Interessant ist zunächst etwas anderes:
Wie reagieren die Menschen auf Erfahrungen, die für das Kind wichtig sind?
Vielleicht hören sie interessiert zu und fragen nach.
Vielleicht sagen sie: „Das hast du dir vorgestellt.“
Vielleicht wird darüber gelacht.
Vielleicht heißt es: „So etwas gibt es nicht.“
Oder die Erwachsenen werden selbst unsicher, weil sie die Erfahrung nicht einordnen können. Auch solche Reaktionen gehören zu den Erfahrungen, die wir mit dem machen, was wir sehen, hören, spüren oder auf andere Weise erleben.
Im Laufe unseres Lebens lernen wir dadurch auch, welchen eigenen Wahrnehmungen wir Aufmerksamkeit schenken, über welche wir sprechen und welche wir möglicherweise schnell wieder beiseiteschieben.
AUCH WAHRNEHMUNG STEHT IN EINEM KULTURELLEN ZUSAMMENHANG
Dabei spielt unsere persönliche Geschichte ebenso eine Rolle wie das soziale und kulturelle Umfeld, in dem wir aufwachsen und leben.
Auch dort lernen wir, worauf Aufmerksamkeit gerichtet wird und wie Erfahrungen eingeordnet werden. Was in einem Umfeld selbstverständlich besprochen wird, kann in einem anderen kaum Beachtung finden oder ganz anders erklärt werden.
Daraus lässt sich nicht ableiten, dass jeder Mensch als Kind schamanisch wahrgenommen hat und diese Fähigkeit später verloren gegangen ist.
Es zeigt jedoch etwas anderes:
Auch unser Umgang mit der eigenen Wahrnehmung hat eine Geschichte.
Und diese Geschichte kann interessant werden, wenn wir beginnen, uns mit schamanischer Wahrnehmung zu beschäftigen.
WAS AUFMERKSAMKEIT MIT WAHRNEHMUNG ZU TUN HAT
In jedem Moment geschieht mehr um uns herum und in uns selbst, als wir bewusst wahrnehmen können. Geräusche, Bewegungen, Körperempfindungen, Gedanken, Gerüche, Veränderungen in unserer Umgebung – unsere Aufmerksamkeit hilft dabei auszuwählen, was davon für uns gerade in den Vordergrund tritt.
Worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, beeinflusst deshalb, was wir bewusst bemerken und womit wir uns weiter beschäftigen. Das lässt sich auch in ganz alltäglichen Bereichen beobachten.
Ein erfahrener Musiker hört in einem Musikstück möglicherweise Unterschiede, Strukturen und Feinheiten, die einem ungeübten Zuhörer zunächst kaum auffallen. Beide hören dieselbe Musik. Doch Erfahrung und Übung haben dazu beigetragen, dass der eine bestimmte Unterschiede differenzierter wahrnehmen kann.
In der Psychologie wird in diesem Zusammenhang von Wahrnehmungslernen gesprochen. Gemeint ist damit, dass sich Wahrnehmung durch Erfahrung und Übung verfeinern und differenzieren kann.
Das ist kein wissenschaftlicher Beleg für schamanische Wahrnehmung. Es zeigt jedoch etwas, das auch für unsere Frage interessant ist:
Unsere Wahrnehmung kann sich durch Erfahrung und Übung verändern und differenzieren.
WAHRNEHMEN LÄSST SICH VERFEINERN
Auch in der schamanischen Praxis spielt Erfahrung eine wichtige Rolle. Bei den ersten schamanischen Reisen ist vieles neu. Die Trommel. Der Ablauf. Die Frage, was geschehen wird. Vielleicht auch die Unsicherheit, ob das, was gerade auftaucht, überhaupt eine Wahrnehmung ist.
Mit zunehmender Erfahrung wird vieles vertrauter.
Du kannst beginnen, genauer darauf zu achten, wie sich deine eigene Wahrnehmung zeigt. Du erkennst möglicherweise Unterschiede, die dir am Anfang kaum aufgefallen sind. Und du sammelst Erfahrungen damit, was sich wiederholt, was sich verändert und wie du selbst auf das reagierst, was dir begegnet.
Dabei muss Wahrnehmung nicht immer deutlicher oder intensiver werden. Differenzierter wahrzunehmen kann auch heißen, feiner unterscheiden zu lernen.
Und genau diese Unterscheidung wird an einer Stelle besonders wichtig.
WAHRNEHMEN ODER ERWARTEN?
Stell dir vor, du möchtest auf einer schamanischen Reise deinem Krafttier begegnen. Vielleicht hast du bereits Bilder im Kopf.
Ein Wolf wäre beeindruckend. Ein Adler auch. Vielleicht ein Bär. Und dann taucht eine Maus auf. Oder du nimmst zunächst überhaupt kein Tier wahr.
Was geschieht jetzt?
Vielleicht entsteht bei der Maus sofort der Gedanke: „Das kann doch nicht mein Krafttier sein.“ Oder du suchst weiter, weil du auf etwas anderes gewartet hast.
Erwartungen gehören zu unserem Erleben. Gleichzeitig können sie beeinflussen, worauf wir achten und wie wir eine Erfahrung anschließend einordnen.
Deshalb gehört zum schamanischen Lernen für uns auch, immer genauer unterscheiden zu lernen:
Was habe ich tatsächlich wahrgenommen?
Was hatte ich erwartet?
Und welche Bedeutung habe ich meiner Erfahrung anschließend gegeben?
Diese drei Ebenen können sehr nah beieinanderliegen. Wenn auf einer schamanischen Reise beispielsweise ein Fuchs auftaucht, ist zunächst genau das die Wahrnehmung: Ein Fuchs ist aufgetaucht.
Ob er dein Krafttier ist, warum er dir begegnet und welche Bedeutung diese Begegnung für dich hat, sind bereits weitere Schritte.
Das Wahrgenommene zunächst stehen lassen zu können, schafft Raum, bevor wir es interpretieren.
Wahrnehmung geht der Deutung voraus.
ERFAHRUNG ALLEIN MACHT NOCH KEIN VERSTEHEN
Damit kommen wir zu einem weiteren wichtigen Teil des Lernens. Eine intensive schamanische Erfahrung kann berühren, überraschen oder lange nachwirken. Doch ihre Intensität sagt noch nicht automatisch etwas darüber aus, wie gut wir sie verstehen oder einordnen können.
Ebenso muss eine leise oder unscheinbare Wahrnehmung nicht weniger bedeutsam sein.
Deshalb geht es beim Lernen schamanischer Praxis nicht darum, möglichst eindrucksvolle Erfahrungen zu sammeln. Es geht auch darum, mit den eigenen Erfahrungen zunehmend bewusster umgehen zu können.
Was habe ich wahrgenommen?
Was erkenne ich darin?
Welche Zusammenhänge werden sichtbar?
Und was lässt sich daraus verstehen?
Bei hagalis beschreiben wir diese Bewegung so:
Wahrnehmung ermöglicht Erkennen. Erkennen ermöglicht Verstehen.
Schamanische Techniken können dafür Erfahrungsräume öffnen. Doch Wissen über eine Methode und die Methode selbst ersetzen die eigene Erfahrung nicht.
Wissen und Methoden allein machen noch keine Erfahrung.
Erst im eigenen Erleben zeigt sich, wie eine schamanische Technik für dich erfahrbar wird – und mit zunehmender Praxis kann sich auch dein Verständnis dafür weiterentwickeln.
WAS BEDEUTET ES, SCHAMANISMUS ZU LERNEN?
Wenn wir Lernen vor allem damit verbinden, Wissen aufzunehmen, erscheint Schamanismus zunächst vielleicht ungewöhnlich.
Natürlich gibt es auch hier Wissen, das vermittelt werden kann. Du kannst erfahren, wie eine schamanische Reise aufgebaut ist, wie du mit einer klaren Absicht arbeitest oder welche schamanischen Techniken es gibt.
Wie sich diese Praxis für dich erschließt, zeigt sich jedoch erst im eigenen Erleben. Schamanismus ist gelebte Praxis – mitten im Alltag.
Deshalb bedeutet Schamanismus zu lernen auch, eigene Erfahrungen zu machen, die eigene Wahrnehmung kennenzulernen und zunehmend unterscheiden zu können, was sich dabei zeigt.
Mit der Zeit kommen weitere Erfahrungen hinzu. Zusammenhänge werden erkennbar. Schamanische Methoden können selbstständiger angewendet werden. Und das, was zunächst vielleicht noch ungewohnt war, bekommt einen eigenen Erfahrungszusammenhang.
ERFAHRUNG BRAUCHT ZEIT
Eine schamanische Technik lässt sich erklären. Du kannst ihren Ablauf kennenlernen und sie ausprobieren.
Doch Erfahrung entsteht nicht im luftleeren Raum. Was du wahrnimmst, wie du mit einer Erfahrung umgehst und welche Zusammenhänge du darin erkennst, steht auch in Verbindung mit dem, was du bereits erlebt und gelernt hast.
Deshalb verstehen wir eine schamanische Ausbildung nicht als eine möglichst umfangreiche Sammlung einzelner Methoden.
In unserer Jahresausbildung bauen manche Inhalte aufeinander auf, andere stehen für sich und verbinden sich im Laufe des Ausbildungsjahres mit den Erfahrungen, die bereits entstanden sind.
Du lernst eine Methode kennen, wendest sie an und machst deine eigenen Erfahrungen damit. Später begegnest du ihr vielleicht in einem anderen Zusammenhang wieder und nimmst etwas wahr, das dir beim ersten Mal noch nicht aufgefallen ist.
So kann aus einzelnen Erfahrungen mit der Zeit ein tieferes Verständnis entstehen.
UND WAS IST NUN MIT DER BESONDEREN GABE?
Menschen beginnen ihren schamanischen Weg an unterschiedlichen Punkten. Manche haben bereits Erfahrungen mit schamanischen Reisen oder anderen Formen spiritueller Praxis gesammelt. Andere bringen Erlebnisse mit, die sie bisher kaum einordnen konnten. Und wieder andere beschäftigen sich zum ersten Mal intensiver mit ihrer eigenen Wahrnehmung.
Auch die Art der Wahrnehmung kann unterschiedlich sein.
Diese Unterschiede sagen jedoch noch wenig darüber aus, welche Erfahrungen ein Mensch im Laufe der Zeit machen und welche Fähigkeiten er entwickeln kann.
Für den Einstieg in die schamanische Praxis ist deshalb die Frage „Habe ich die richtige Begabung dafür?“
gar nicht so interessant. Viel interessanter ist die Frage:
„Bin ich bereit, meine eigene Wahrnehmung kennenzulernen und Erfahrungen damit zu machen?“
Du musst dabei nicht genauso wahrnehmen wie jemand anderes. Entscheidend ist zunächst, wahrzunehmen, wie sich dein eigener Zugang zeigt.
DER EIGENE ERFAHRUNGSWEG
Schamanismus zu lernen bedeutet für uns, Wissen und eigene Erfahrung miteinander zu verbinden:
Wahrnehmen. Erkennen. Verstehen. Anwenden.
Dieser Weg sieht nicht bei jedem Menschen gleich aus. Gerade darin liegt die Möglichkeit, einen eigenen Zugang zur schamanischen Praxis zu entwickeln und zunehmend selbstständig mit den erlernten Methoden zu arbeiten.
Du brauchst dafür keine schamanischen Vorkenntnisse. Wenn du Schamanismus selbst erfahren, Zusammenhänge verstehen und schamanische Methoden fundiert kennenlernen möchtest, bietet unsere
schamanische Jahresausbildung dafür einen begleiteten Erfahrungsraum.
In der kleinen Ausbildungsgruppe bleibt Raum für deine eigenen Erfahrungen und dafür, zunehmend selbstständig mit den erlernten Methoden zu arbeiten.
Möchtest du herausfinden, ob die
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